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Dass

Es war bereits später Abend als er schrieb. Wir kannten uns nur flüchtig. Wir hatten uns auf einer Party über unsere Bierflaschen angelächelt. Drinnen hatte die Musik gespielt und wir hatten draußen im Hof gestanden, wo die Musik nur noch ein dumpfes Wummern war. Ich weiß nicht mehr worüber wir sprachen, es war auch nicht wichtig. Wichtig war, dass wir uns über unsere Bierflaschen anlächelten und ich mit einem breiten Grinsen am Ende des Abends in die S-Bahn stieg.

Seitdem waren ein paar Wochen ins Land gegangen. Seine Nachricht erreichte mich zu einer Stunde, die zu spät ist, um nach einem ganz normalen Treffen zu fragen und zu früh um eine alkoholinspirierte Idee zu sein. Ich sagte ab. Ich hatte keine Zeit. Ich war auf dem Weg zu einem Freund, der für die meisten meiner Freunde immer nur ein Bekannter von mir gewesen war. Er ist einer von diesen Menschen, mit denen es immer schmutzig wird und wenn man geht, ist es so herrlich unaufgeregt als wäre nichts geschehen.

An diesem Abend ärgerte ich mich fast ein bisschen, dass ich bereits mit der Bahn auf dem Weg zu einem Abend war, dessen Ausgang ich bereits zu kennen glaubte. Es sollte sich jedoch herausstellen, dass meine nächtliche Verabredung nach zu viel Wein in der Spätsommersonne auf der Couch eingeschlafen war, die Klingel nicht hörte und ich umsonst gekommen war. Erleichterung breitete sich mit einem Lächeln auf meinem Gesicht aus. Ich hatte doch Zeit, um schüchtern über grüne Bierflaschenhälse hinweg zu lachen und dabei in kristallblaue Augen zu starren.

Als ich ihm schrieb war es bereits Nacht und ich auf dem Rückweg meiner geplatzten Verabredung. Es regnete. Er versprach mich mit einem Regenschirm von der S-Bahn abzuholen. Ich eilte zum Ausgang der Station und suchte ihn im dunklen Spätsommerniesel. Eine viertel Stunde streunte ich um den Bahnhof bis ich ihn fand. Er hatte zwei grüne Bierflaschen dabei, Kopfhörer auf den Ohren, den Schirm in der rechten Hand. Er hatte auf mich am Gleis gewartet.

Obwohl es regnete entschieden wir uns die Nacht draußen zu verbringen. Wir fühlten uns nach Laufen und nach Zweisamkeit, die nicht durch dichten Zigarettenqualm, laute Musik und die halbgebrüllten Gespräche anderer Menschen in zwei Hälften geschnitten wird. Wir saßen unter Straßenlaternen und lächelten uns über unsere Bierflaschen an. Wir liefen auf unbeleuchteten, matschigen Pfaden durch Parks, kletterten durch kaputte Zäune und hörten dabei Swing aus den Lautsprechern seines Smartphones.

Als er mich nach Hause brachte, waren fünf Stunden vergangen und sechs Bierflaschen hatten ihren Weg für die Pfandsammler unter die öffentlichen Mülleimer gefunden. Ich weiß nicht mehr worüber wir gesprochen haben. Es war auch nicht wichtig. Wichtig war, dass wir fünf Stunden gesprochen hatten.

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