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Entkernt

Sie waren Verbündete gewesen. Sie wussten genau, welcher Film im Kopf des anderen lief, während der Alltag um sie herum in lauten, durcheinander gewirbelten Tönen weiter tobte. Ein kurzer Blick, der versicherte: Ja, ich weiß was du gerade denkst. Ein kurzer Blick reichte. Oder ein flüchtiges aneinander Vorbeilaufen, um dabei kurz die Hand des anderen zu drücken: Ja, ich weiß wie es dir gerade geht. Immer dann, wenn niemand zusah oder -hörte, erzählten sie sich die Geschichten für die andere Menschen sie verurteilt hätten. Sie teilten eine kleines, gemeinsames Haus aus Gedanken in der großen Stadt des Alltags.

Mit der Zeit sammelten sich immer mehr Gedanken an. Sie versuchten der Masse Herr zu werden, indem sie sie sortierten: in Kisten und Schubladen, die sie mit einfachen Worten beschrifteten. Doch der Berg an Schubladen wurde nicht kleiner, das Haus platze schon aus allen Nähten. Also warfen sie die Kisten und Schubladen zum Fenster hinaus. Jeder die, dessen Inhalt er einst mit einem Wort verkürzt hatte. Sie wussten nicht mehr was alles in den Schubladen steckte. Manche wurden von ihnen ein letztes Mal durchwühlt. Doch was sie suchten, fanden sie nicht. Also blieben sie dabei alles wegzuwerfen. Selbst die Tapeten hatten sie von den Wänden gerissen, um sich wieder Platz zu schaffen.

Sie standen vor dem leeren Haus. Sie tauschten Blicke aus. Doch wussten nicht, was sie bedeuteten. Sie hielten sich an den Händen, aber wussten nicht, ob sie es aus Gewohnheit taten oder weil sie sich danach fühlten. Da war kein Film mehr, nur noch ein verlassenes Haus. Kein Abschied. Nur ein anderer Alltag mit einem Verbündeten weniger.

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Anderthalb Menschen

Zwei. Es gehören immer zwei dazu, heißt es. Zwei gehören dazu, wenn aus einem Bier eine ganze Nacht geworden ist. Zwei gehören dazu, wenn man statt in Schwarz-Weiß auf einmal anfängt in Farbe zu träumen. Zwei gehören dazu, wenn man sich danach erschöpft in den Armen liegt und die Stirn des anderen küsst. Zwei gehören dazu, wenn man die Tür hinter sich schließt und weiß, dass dort nun eine Zahnbürste mehr im Badezimmer steht. Zwei gehören dazu, wenn einer verzweifelt ist. Zwei gehören dazu, wenn einer schweigt und einer redet. Es gehören immer zwei dazu, heißt es. Es stimmt nicht. Anderthalb. Manchmal gehören anderthalb dazu. Weil einer das doppelte Bier getrunken, aber nur die halbe Nacht erlebt hat. Weil einer farbenblind ist. Weil einer nicht mehr als liebevoll sein möchte. Weil einer nur pragmatisch ist. Weil einer mit der Verzweiflung des anderen nichts anfangen kann. Weil einer lieber über sich redet. Weil einer nur halb dabei ist.

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Dass

Es war bereits später Abend als er schrieb. Wir kannten uns nur flüchtig. Wir hatten uns auf einer Party über unsere Bierflaschen angelächelt. Drinnen hatte die Musik gespielt und wir hatten draußen im Hof gestanden, wo die Musik nur noch ein dumpfes Wummern war. Ich weiß nicht mehr worüber wir sprachen, es war auch nicht wichtig. Wichtig war, dass wir uns über unsere Bierflaschen anlächelten und ich mit einem breiten Grinsen am Ende des Abends in die S-Bahn stieg.

Seitdem waren ein paar Wochen ins Land gegangen. Seine Nachricht erreichte mich zu einer Stunde, die zu spät ist, um nach einem ganz normalen Treffen zu fragen und zu früh um eine alkoholinspirierte Idee zu sein. Ich sagte ab. Ich hatte keine Zeit. Ich war auf dem Weg zu einem Freund, der für die meisten meiner Freunde immer nur ein Bekannter von mir gewesen war. Er ist einer von diesen Menschen, mit denen es immer schmutzig wird und wenn man geht, ist es so herrlich unaufgeregt als wäre nichts geschehen.

An diesem Abend ärgerte ich mich fast ein bisschen, dass ich bereits mit der Bahn auf dem Weg zu einem Abend war, dessen Ausgang ich bereits zu kennen glaubte. Es sollte sich jedoch herausstellen, dass meine nächtliche Verabredung nach zu viel Wein in der Spätsommersonne auf der Couch eingeschlafen war, die Klingel nicht hörte und ich umsonst gekommen war. Erleichterung breitete sich mit einem Lächeln auf meinem Gesicht aus. Ich hatte doch Zeit, um schüchtern über grüne Bierflaschenhälse hinweg zu lachen und dabei in kristallblaue Augen zu starren.

Als ich ihm schrieb war es bereits Nacht und ich auf dem Rückweg meiner geplatzten Verabredung. Es regnete. Er versprach mich mit einem Regenschirm von der S-Bahn abzuholen. Ich eilte zum Ausgang der Station und suchte ihn im dunklen Spätsommerniesel. Eine viertel Stunde streunte ich um den Bahnhof bis ich ihn fand. Er hatte zwei grüne Bierflaschen dabei, Kopfhörer auf den Ohren, den Schirm in der rechten Hand. Er hatte auf mich am Gleis gewartet.

Obwohl es regnete entschieden wir uns die Nacht draußen zu verbringen. Wir fühlten uns nach Laufen und nach Zweisamkeit, die nicht durch dichten Zigarettenqualm, laute Musik und die halbgebrüllten Gespräche anderer Menschen in zwei Hälften geschnitten wird. Wir saßen unter Straßenlaternen und lächelten uns über unsere Bierflaschen an. Wir liefen auf unbeleuchteten, matschigen Pfaden durch Parks, kletterten durch kaputte Zäune und hörten dabei Swing aus den Lautsprechern seines Smartphones.

Als er mich nach Hause brachte, waren fünf Stunden vergangen und sechs Bierflaschen hatten ihren Weg für die Pfandsammler unter die öffentlichen Mülleimer gefunden. Ich weiß nicht mehr worüber wir gesprochen haben. Es war auch nicht wichtig. Wichtig war, dass wir fünf Stunden gesprochen hatten.

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Ostkreuz

Die Bedeutung lauter Musik.

Ich laufe den dunklen Weg entlang. Das schwarze Wasser spritzt von den dunkeln Steinplatten an meine Waden. Auf dem schwarzen Leder meiner Schuhe bilden sich dreckige Spritzer und meine Füße werden nass. Ich mache die Musik meines Smartphones mit einem gekonnten Griff in die Jackentasche lauter. Ich drehe sie so laut auf, dass sie in meinen Ohren kreischt. Aber es reicht nicht, es reicht nicht um mich in meine Blase zu flüchten. Ich mache die Musik lauter. Und noch einmal. Bis es nicht weitergeht. Ich schließe die Augen und laufe so ein paar Meter weiter über die dunkle, nasse Straße. Ich sehe nichts, ich höre meine Schritte nicht, nur die laute kreischende Musik, die in den Ohren wehtut und sich trotzdem wie ein wohliger Kokon um meine Seele legt. So lange die Musik laut genug ist, nehme ich nicht wahr was um mich herum passiert. Es ist egal, dass dort so viele Menschen auf der Straße sind. Ich höre sie nicht. Und auch nicht den Regen. Und auch nicht den wegfahrenden Bus, in dem du sitzt. Ich hätte ihn noch kriegen können. Aber ich weiß, dass du nicht willst, dass ich neben dir sitze. Schweigend. Die Musik auf den Ohren.

Du drehst die Musik lauter, so laut, dass du die Menschen in dem vollen Bus nicht mehr hörst und die monotone Frauenstimme, die die Stationen ansagt. Es ist eine halbe Stunde Fahrt. Eine halbe Stunde Fahrt, die dir gehört. Wo niemand etwas will und niemand urteilt. Es ist die halbe Stunde in der du die Musik so laut aufdrehst bis sie in deinen Ohren kreischt. Ich würde gerne neben dir in diesem Bus sitzen. Mit kreischender Musik auf den Ohren. Und ich würde nichts sagen, ich wüsste nur, dass du neben mir sitzt und dasselbe Kreischen hörst, dass dir den Kopf wegbläst.

Ich habe den nächsten Bus genommen. Mich dorthin gesetzt, wo die Menschen ihre Fahrräder abstellen und sich selbst in der Spiegelung der Scheibe betrachten. Die Musik ist immer noch laut und obwohl der Bus voll ist, fühle ich mich allein. Hin und wieder schweift mein Blick aus dem Fenster. Aber ich schaue nicht hinaus, ich starre in mich hinein und die Lichter von draußen verschwimmen zu bunten Fäden, die an den Fenstern vorbeiziehen. Ich bin hypnotisiert. Ich ertappe mich dabei, wie ich denke, ich könnte dich verraten, wenn ich für einen Moment lächele. Also lächele ich nicht und versuche die Musik meines Smartphones noch ein mal lauter zu stellen. Es geht nicht. Meine Ohren schmerzen.

Ohne auf die leuchtende Anzeige im Bus zu achten, weiß ich, dass es Zeit ist umzusteigen. Die Fahrt ist mir in Fleisch und Blut übergangen. Ich könnte die Fahrt mit geschlossenen Augen und der lauten Musik auf den Ohren machen und ich wüsste, wann es Zeit ist den Bus zu wechseln. Also greife ich meine zwei Taschen, steige aus und achte darauf, dass mein Gang schön ist.

Wir haben oft zusammen in diesem Bus gesessen. Und du hast mir so viel erzählt. Und doch immer nur so viel, dass es dir nicht gefährlich wurde.

Wenn es gefährlich wird, dann nimmst du einen anderen Bus und fährst davon. Du sagst dann, ich soll nicht böse sein, es habe nichts mit mir zu tun. Und wahrscheinlich hast du Recht. Du fährst mit dem Bus nach vorn und all das was hinter dir ist, das ist dann nicht mehr da. Ich bin nicht mehr da. Aber du, du bist vor mir und ich kann dich noch sehen. Aber ich weiß, dass du nicht zurückschaust.

Ich steige in den nächsten Bus, den mit der anderen Nummer. Ich schließe meine Augen und bin in einer anderen Welt, in der das all nicht existiert. Aber ich träume nicht. Da ist nichts. Eine schwarze Leere vor meinen Augen. Nur kreischende Musik. Ich halte es nicht mehr aus und mache die Musik leiser. Ich höre wieder Stimmen, die monotone Stimme der Busansagerin, das Rascheln einer Papiertüte gefüllt mit gebrannten Mandeln. Ein Husten. Ich bin wieder angekommen: Im Hier und Jetzt der Realität. Gleich bin ich da. Ich steige heute zwei Haltestellen früher aus. Ich überprüfe meine Leidensfähigkeit. Ich fühle mich leer. Ich versuche die Leere einmal mehr mit der lauten Musik zu füllen. Ich kann die Musik nicht ausschalten, ich mache sie lauter.

Ich überprüfe meine Leidensfähigkeit. Ich wähle einen Song, der mich in gute Stimmung versetzt und setzte ein Lächeln auf, weil ich daran glaube, dass wenn man lächelt sich auch die Stimmung positiv verändert. Ich verlasse den Bus, lächelnd. Ich treffe Freunde zum Abendessen. Es gibt Spätzle, Pilze und Huhn. Rotwein. Und selbst gemachte Pralinen.

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