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Dass

Es war bereits später Abend als er schrieb. Wir kannten uns nur flüchtig. Wir hatten uns auf einer Party über unsere Bierflaschen angelächelt. Drinnen hatte die Musik gespielt und wir hatten draußen im Hof gestanden, wo die Musik nur noch ein dumpfes Wummern war. Ich weiß nicht mehr worüber wir sprachen, es war auch nicht wichtig. Wichtig war, dass wir uns über unsere Bierflaschen anlächelten und ich mit einem breiten Grinsen am Ende des Abends in die S-Bahn stieg.

Seitdem waren ein paar Wochen ins Land gegangen. Seine Nachricht erreichte mich zu einer Stunde, die zu spät ist, um nach einem ganz normalen Treffen zu fragen und zu früh um eine alkoholinspirierte Idee zu sein. Ich sagte ab. Ich hatte keine Zeit. Ich war auf dem Weg zu einem Freund, der für die meisten meiner Freunde immer nur ein Bekannter von mir gewesen war. Er ist einer von diesen Menschen, mit denen es immer schmutzig wird und wenn man geht, ist es so herrlich unaufgeregt als wäre nichts geschehen.

An diesem Abend ärgerte ich mich fast ein bisschen, dass ich bereits mit der Bahn auf dem Weg zu einem Abend war, dessen Ausgang ich bereits zu kennen glaubte. Es sollte sich jedoch herausstellen, dass meine nächtliche Verabredung nach zu viel Wein in der Spätsommersonne auf der Couch eingeschlafen war, die Klingel nicht hörte und ich umsonst gekommen war. Erleichterung breitete sich mit einem Lächeln auf meinem Gesicht aus. Ich hatte doch Zeit, um schüchtern über grüne Bierflaschenhälse hinweg zu lachen und dabei in kristallblaue Augen zu starren.

Als ich ihm schrieb war es bereits Nacht und ich auf dem Rückweg meiner geplatzten Verabredung. Es regnete. Er versprach mich mit einem Regenschirm von der S-Bahn abzuholen. Ich eilte zum Ausgang der Station und suchte ihn im dunklen Spätsommerniesel. Eine viertel Stunde streunte ich um den Bahnhof bis ich ihn fand. Er hatte zwei grüne Bierflaschen dabei, Kopfhörer auf den Ohren, den Schirm in der rechten Hand. Er hatte auf mich am Gleis gewartet.

Obwohl es regnete entschieden wir uns die Nacht draußen zu verbringen. Wir fühlten uns nach Laufen und nach Zweisamkeit, die nicht durch dichten Zigarettenqualm, laute Musik und die halbgebrüllten Gespräche anderer Menschen in zwei Hälften geschnitten wird. Wir saßen unter Straßenlaternen und lächelten uns über unsere Bierflaschen an. Wir liefen auf unbeleuchteten, matschigen Pfaden durch Parks, kletterten durch kaputte Zäune und hörten dabei Swing aus den Lautsprechern seines Smartphones.

Als er mich nach Hause brachte, waren fünf Stunden vergangen und sechs Bierflaschen hatten ihren Weg für die Pfandsammler unter die öffentlichen Mülleimer gefunden. Ich weiß nicht mehr worüber wir gesprochen haben. Es war auch nicht wichtig. Wichtig war, dass wir fünf Stunden gesprochen hatten.

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Zeitreise in die Achtziger.

In Berlin Mitte, da sind sie: die Anzugträger, Aktenkofferträger, Krawattenträger, Brillenträger, Businneshäschen, nebst Schulklassen und Rentnergruppen am Checkpoint Charlie. Irgendwie ist alles ziemlich glatt: die gegelten Haare der Anzugträger, die knitterfreien Blusen der Businesshäschen, die Uniform des Soldaten am Checkpoint und die Fassaden der neuen Bürogebäude.

Und dann wünsche ich mir manchmal ein bisschen Glam und Glitzer, ein bisschen Punk, Dauerwelle und Synthie!
Und während ich noch in Gedanken durch das sonnige Mitte in den Feierabend radele, drehen sich auf einmal die Anzugträger, Aktenkofferträger, Krawattenträger, Brillenträger, Businneshäschen, Schulklassen und Rentnergruppen um. Da radeln sie! Glam und seine Freunde Glitzer, Punk, Dauerwelle und Synthie! Auf der anderen Straßenseite, in bunten 80er Jahre Sportanzügen, treten ein paar fröhliche, junge Frauen und Männer in die Pedalen. Sie zaubern allen in der Rudi-Dutschke-Straße ein Schmunzeln ins Gesicht. Ja, in der Rudi-Dutschke-Straße. Und das ist noch ein Schmunzeln mehr wert.

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Neuköllner Stadtmusikanten.

Die ersten Sonnenstrahlen verirren sich zwischen die Schluchten der Berliner Häuser und die kargen Bäume und der triste Kanal wirken bei sonnengelber Fröhlichkeit gleich viel freundlicher. Ich laufe den Kanal vom bunten Kreuzberger Treiben in Richtung Neuköllner Industrie.
Fast am letzten Ende des Schiffahrtskanals, kurz bevor der Kanal eine Biegung macht, wo die letzten Häuser vor dem Industriegebiet stehen, da finde ich sie: die Neuköllner Stadtmusikanten. Fünf südländisch aussehende Männer sind das. Sie sind alt und jung und sie haben ein Akkordeon, eine Trommel, eine Gitarre, eine Geige und noch eine Geige dabei. Und sie ziehen um die Häuser mit ihrem Instrumenten auf diesen verschlafenen Ecken Neuköllns, fast am Ende des Kanals, bevor eine Biegung in die Industrie macht. Und diese Männer, Deutsch-Türken vielleicht, machen Lieder, die so klingen als kämen sie aus Frankreich. Außer mir lauscht nur noch eine Frau und ihr Hund den Klängen der Männer. Und ich fühle mich ein bisschen wie in Paris und ein bisschen wie am Bosporus und vor allen Dingen fühle ich mich sehr in Neukölln.

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Eine warme Welt in kalter Zeit.

Der Großstadtmensch liebt das erfrischende Bad in der Anonymität. Doch wenn die Tage kürzer werden und die Nächte immer kälter, dann sucht auch der größte Streuner das warme Bad in der eigenen kleinen Welt. Die eigene kleine Welt, das sind warme Wände. Das sind andere Großstadtstreuner, die ein bisschen Wärme und statt einsam, zweisam oder vielsam suchen. In kleinen Küchen sitzen sie zusammen und trinken warme erheiternde Getränke, essen warme süße Speisen und erzählen sich warme Geschichten in der kalten Jahreszeit. In kleinen Kreuzberger Lokalitäten sitzen sie eng zusammen und lauschen den warmen Stimmen von Schauspielern, die Geschichten aus der weiten Welt erzählen. In kleinen, warm beleuchteten Räumen sitzen sie zusammen und hängen an den Lippen von Poeten. Und wenn diese schönen, warmen Abende sich dem Ende zuneigen, dann baden die Großstadtstreuner für ein paar kalte Momente in der glitzernden Berliner Schneelandschaft, wenn sie zurück in ihre kleine warme Welt nach Hause gehen.

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