Lassen

Lassen

Es war ein kalter Wintertag gewesen. Wir waren zum Mittagessen verabredet. Sie mochte entgegen der vielen hippen Friedrichshainer nicht die neuen veganen Cafés. Sie liebte gutes, deftiges Essen. Ich wartete an der geschäftigen Straßenecke an der sich die kleine Fleischerei, mit dem von ihr für gut befundenen Mittagstisch, befand. Autos, Fahrräder und Menschen rauschten an mir und der kleinen Fleischerei vorbei. Es roch gut nach Gulasch und Sauerkraut. Es war erst fünf Minuten nach der verabredeten Zeit. Ich wusste sie würde nicht kommen. Ich wusste sie würde auf meinen Anruf nicht reagieren. Ich probierte es trotzdem. Mit kalten Fingern wählte ich ihre Nummer, ließ lange läuten. Sie hob nicht ab. Wie so oft. Ich schrieb ihr eine Nachricht, dass ich drinnen auf sie warten und schon etwas bestellen würde. – In dem Wissen, dass sie diese Nachricht zwar lesen aber ebenfalls nicht auf sie reagieren würde. Wie so oft. Beim nächsten Treffen würde sie wieder vorgeben, keine meiner Nachrichten hätte sie erreicht. Keinen meiner Anrufe hätte sie gehört, noch auf dem kleinen Display ihres alten Handys gesehen. Ich werde nicht böse sein. Ich bin es nicht. So ist sie.

Hätte jemand anderes mich an diesem Mittag an der Straßenecke im Friedrichshain stehengelassen, ich hätte mich sicher geärgert. Aber nicht bei ihr. Sie gehört zu diesen Menschen, die hin und wieder verschwinden. Von einem Tag auf den anderen entscheiden sie, dich für eine zeitlang auf ihrem Leben auszuschließen. Sie ziehen sich in eine Welt zurück, in der dann nur andere Gedanken und Menschen Platz finden. Vielleicht weil für alles andere keine Kraft da ist.

Sie verschwindet dann immer auf unbestimmte Zeit. Ich werde ihr nicht begegnen. Ich werde ihr zwar schreiben, aber nichts sagen können. Sie will nichts hören von Vermissen und von Liebe. Sie will nur wissen, dass ich trotzdem da bin, auch wenn sie es nicht sein kann. Ich werde sie wiedersehen. Irgendwann. Vorher wird sie mir wahrscheinlich ein schwarz-weißes Foto von sich aus dem Automaten oder einen handgeschriebenen Brief geschickt haben, der unvermittelt in meinem Postkasten zwischen Werbung und Zeitung zum Vorschein kommt. Dann wird sie von Vermissen und von Liebe reden. Wir werden uns ein paar Wochen später in eine dieser Kneipen im Friedrichshain oder in Mitte treffen, in die wir immer gemeinsam gehen. Wir werden Schwarzbier auf Zimmertemperatur oder eiskalten Gin Tonic trinken. Erst wenn die Sonne vor den Fenstern der Kneipe wieder aufgeht, werden wir wieder aufhören zu reden und ich werde ihr durch diesen Abend einmal mehr versichert haben, dass ich immer noch da bin. Durch diese Nacht werde ich wissen, dass sie dankbar ist, dass ich es immer noch bin. Auch wenn sie sehr sparsam ihr Innerstes auf die Theke der Kneipe packt. Wahrscheinlich wird sie dann wieder für ein paar Monate wie vom Erdboden verschluckt sein. Ich lasse es ihr durchgehen. So ist sie. Es gibt nicht viele wie sie.

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