Ostkreuz

Die Bedeutung lauter Musik.

Ich laufe den dunklen Weg entlang. Das schwarze Wasser spritzt von den dunkeln Steinplatten an meine Waden. Auf dem schwarzen Leder meiner Schuhe bilden sich dreckige Spritzer und meine Füße werden nass. Ich mache die Musik meines Smartphones mit einem gekonnten Griff in die Jackentasche lauter. Ich drehe sie so laut auf, dass sie in meinen Ohren kreischt. Aber es reicht nicht, es reicht nicht um mich in meine Blase zu flüchten. Ich mache die Musik lauter. Und noch einmal. Bis es nicht weitergeht. Ich schließe die Augen und laufe so ein paar Meter weiter über die dunkle, nasse Straße. Ich sehe nichts, ich höre meine Schritte nicht, nur die laute kreischende Musik, die in den Ohren wehtut und sich trotzdem wie ein wohliger Kokon um meine Seele legt. So lange die Musik laut genug ist, nehme ich nicht wahr was um mich herum passiert. Es ist egal, dass dort so viele Menschen auf der Straße sind. Ich höre sie nicht. Und auch nicht den Regen. Und auch nicht den wegfahrenden Bus, in dem du sitzt. Ich hätte ihn noch kriegen können. Aber ich weiß, dass du nicht willst, dass ich neben dir sitze. Schweigend. Die Musik auf den Ohren.

Du drehst die Musik lauter, so laut, dass du die Menschen in dem vollen Bus nicht mehr hörst und die monotone Frauenstimme, die die Stationen ansagt. Es ist eine halbe Stunde Fahrt. Eine halbe Stunde Fahrt, die dir gehört. Wo niemand etwas will und niemand urteilt. Es ist die halbe Stunde in der du die Musik so laut aufdrehst bis sie in deinen Ohren kreischt. Ich würde gerne neben dir in diesem Bus sitzen. Mit kreischender Musik auf den Ohren. Und ich würde nichts sagen, ich wüsste nur, dass du neben mir sitzt und dasselbe Kreischen hörst, dass dir den Kopf wegbläst.

Ich habe den nächsten Bus genommen. Mich dorthin gesetzt, wo die Menschen ihre Fahrräder abstellen und sich selbst in der Spiegelung der Scheibe betrachten. Die Musik ist immer noch laut und obwohl der Bus voll ist, fühle ich mich allein. Hin und wieder schweift mein Blick aus dem Fenster. Aber ich schaue nicht hinaus, ich starre in mich hinein und die Lichter von draußen verschwimmen zu bunten Fäden, die an den Fenstern vorbeiziehen. Ich bin hypnotisiert. Ich ertappe mich dabei, wie ich denke, ich könnte dich verraten, wenn ich für einen Moment lächele. Also lächele ich nicht und versuche die Musik meines Smartphones noch ein mal lauter zu stellen. Es geht nicht. Meine Ohren schmerzen.

Ohne auf die leuchtende Anzeige im Bus zu achten, weiß ich, dass es Zeit ist umzusteigen. Die Fahrt ist mir in Fleisch und Blut übergangen. Ich könnte die Fahrt mit geschlossenen Augen und der lauten Musik auf den Ohren machen und ich wüsste, wann es Zeit ist den Bus zu wechseln. Also greife ich meine zwei Taschen, steige aus und achte darauf, dass mein Gang schön ist.

Wir haben oft zusammen in diesem Bus gesessen. Und du hast mir so viel erzählt. Und doch immer nur so viel, dass es dir nicht gefährlich wurde.

Wenn es gefährlich wird, dann nimmst du einen anderen Bus und fährst davon. Du sagst dann, ich soll nicht böse sein, es habe nichts mit mir zu tun. Und wahrscheinlich hast du Recht. Du fährst mit dem Bus nach vorn und all das was hinter dir ist, das ist dann nicht mehr da. Ich bin nicht mehr da. Aber du, du bist vor mir und ich kann dich noch sehen. Aber ich weiß, dass du nicht zurückschaust.

Ich steige in den nächsten Bus, den mit der anderen Nummer. Ich schließe meine Augen und bin in einer anderen Welt, in der das all nicht existiert. Aber ich träume nicht. Da ist nichts. Eine schwarze Leere vor meinen Augen. Nur kreischende Musik. Ich halte es nicht mehr aus und mache die Musik leiser. Ich höre wieder Stimmen, die monotone Stimme der Busansagerin, das Rascheln einer Papiertüte gefüllt mit gebrannten Mandeln. Ein Husten. Ich bin wieder angekommen: Im Hier und Jetzt der Realität. Gleich bin ich da. Ich steige heute zwei Haltestellen früher aus. Ich überprüfe meine Leidensfähigkeit. Ich fühle mich leer. Ich versuche die Leere einmal mehr mit der lauten Musik zu füllen. Ich kann die Musik nicht ausschalten, ich mache sie lauter.

Ich überprüfe meine Leidensfähigkeit. Ich wähle einen Song, der mich in gute Stimmung versetzt und setzte ein Lächeln auf, weil ich daran glaube, dass wenn man lächelt sich auch die Stimmung positiv verändert. Ich verlasse den Bus, lächelnd. Ich treffe Freunde zum Abendessen. Es gibt Spätzle, Pilze und Huhn. Rotwein. Und selbst gemachte Pralinen.

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