Kategorie-Archiv: In Berlin.

Zeitreise in die Achtziger.

In Berlin Mitte, da sind sie: die Anzugträger, Aktenkofferträger, Krawattenträger, Brillenträger, Businneshäschen, nebst Schulklassen und Rentnergruppen am Checkpoint Charlie. Irgendwie ist alles ziemlich glatt: die gegelten Haare der Anzugträger, die knitterfreien Blusen der Businesshäschen, die Uniform des Soldaten am Checkpoint und die Fassaden der neuen Bürogebäude.

Und dann wünsche ich mir manchmal ein bisschen Glam und Glitzer, ein bisschen Punk, Dauerwelle und Synthie!
Und während ich noch in Gedanken durch das sonnige Mitte in den Feierabend radele, drehen sich auf einmal die Anzugträger, Aktenkofferträger, Krawattenträger, Brillenträger, Businneshäschen, Schulklassen und Rentnergruppen um. Da radeln sie! Glam und seine Freunde Glitzer, Punk, Dauerwelle und Synthie! Auf der anderen Straßenseite, in bunten 80er Jahre Sportanzügen, treten ein paar fröhliche, junge Frauen und Männer in die Pedalen. Sie zaubern allen in der Rudi-Dutschke-Straße ein Schmunzeln ins Gesicht. Ja, in der Rudi-Dutschke-Straße. Und das ist noch ein Schmunzeln mehr wert.

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Neuköllner Stadtmusikanten.

Die ersten Sonnenstrahlen verirren sich zwischen die Schluchten der Berliner Häuser und die kargen Bäume und der triste Kanal wirken bei sonnengelber Fröhlichkeit gleich viel freundlicher. Ich laufe den Kanal vom bunten Kreuzberger Treiben in Richtung Neuköllner Industrie.
Fast am letzten Ende des Schiffahrtskanals, kurz bevor der Kanal eine Biegung macht, wo die letzten Häuser vor dem Industriegebiet stehen, da finde ich sie: die Neuköllner Stadtmusikanten. Fünf südländisch aussehende Männer sind das. Sie sind alt und jung und sie haben ein Akkordeon, eine Trommel, eine Gitarre, eine Geige und noch eine Geige dabei. Und sie ziehen um die Häuser mit ihrem Instrumenten auf diesen verschlafenen Ecken Neuköllns, fast am Ende des Kanals, bevor eine Biegung in die Industrie macht. Und diese Männer, Deutsch-Türken vielleicht, machen Lieder, die so klingen als kämen sie aus Frankreich. Außer mir lauscht nur noch eine Frau und ihr Hund den Klängen der Männer. Und ich fühle mich ein bisschen wie in Paris und ein bisschen wie am Bosporus und vor allen Dingen fühle ich mich sehr in Neukölln.

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Eine warme Welt in kalter Zeit.

Der Großstadtmensch liebt das erfrischende Bad in der Anonymität. Doch wenn die Tage kürzer werden und die Nächte immer kälter, dann sucht auch der größte Streuner das warme Bad in der eigenen kleinen Welt. Die eigene kleine Welt, das sind warme Wände. Das sind andere Großstadtstreuner, die ein bisschen Wärme und statt einsam, zweisam oder vielsam suchen. In kleinen Küchen sitzen sie zusammen und trinken warme erheiternde Getränke, essen warme süße Speisen und erzählen sich warme Geschichten in der kalten Jahreszeit. In kleinen Kreuzberger Lokalitäten sitzen sie eng zusammen und lauschen den warmen Stimmen von Schauspielern, die Geschichten aus der weiten Welt erzählen. In kleinen, warm beleuchteten Räumen sitzen sie zusammen und hängen an den Lippen von Poeten. Und wenn diese schönen, warmen Abende sich dem Ende zuneigen, dann baden die Großstadtstreuner für ein paar kalte Momente in der glitzernden Berliner Schneelandschaft, wenn sie zurück in ihre kleine warme Welt nach Hause gehen.

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Eisloch Kanal

Alles nur ein Märchen.

In Berlin gibt es eine Märchenhütte. Sie steht nicht einsam und allein auf einer friedlichen, schneebedeckten Lichtung in einem dunklen und geheimnisvollen Märchenwald, in dem märchenhafte Kreaturen, Elfen, Prinzen und Fabelwesen umhergeistern. Die Märchenhütte liegt zwischen Museen, Geschäften und Bürogebäuden. Und trotzdem tritt man für neunzig Minuten in eine kleine märchenhafte Parallelwelt.
Bunte Großstadtgesichter haben sich dicht gedrängt in der kleinen Hütte versammelt, sitzen an Holztischen und auf zusammengewürfelten Stühlen und Bänken. Es duftet nach Kuchen, nach Glühwein, nach Kaffee und Märchenwelt. Auf der kleinen Bühnen spielen zwei Schauspieler Rapunzel und der gestiefelte Kater. Die Großstadtgesichter verziehen sich oft zu einem breiten Grinsen, herzhaftes Lachen liegt glücklich in der Luft des kleinen Raums. Ich genieße neunzig Minuten Märchenwelt und draußen vor der Hütte läuft das Großstadtleben weiter. Eingefangen in der kleinen Märchenzauberhütte, vergesse ich über das Lachen für neunzig Minuten die andere Welt, die draußen vor der Hütte liegt. Und als ich nach anderthalb Stunden wieder vor die Hütte trete, bin ich wieder angekommen zwischen den Museen, Geschäften und den Bürogebäuden. Es war alles nur ein Märchen.

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