Archiv für den Monat: Juli 2013

Worum es geht

Schon seit Wochen betonte ich gegenüber Freunden immer wieder, wie sehr ich mich freuen würde sie wiederzusehen. Es ist gut möglich, dass ich mit meiner Freude andere Menschen verletzte, weil sie sich ebenso viel Freude über den eigenen Besuch gewünscht hätten. Es war mir egal. Sie wollte raus, die Freude. Ich wollte allen Menschen sagen, wie sehr ich mich freute sie bald für ein Wochenende wiederzuhaben. Es bedeutet nichts anderes, als dass ich Ihr mit meiner Freude eine besondere Wichtigkeit in meinem Leben gegeben habe.

Wir sehen uns nicht oft. Manchmal fast ein ganzes Jahr nicht. Sie gehört zu den Menschen, die mir in meinem Umfeld wahrscheinlich am unähnlichsten sind. Sie ist lieblich, ich unnahbar. Ich klettere auf Bäume, sie winkt lieber stolz von unten hinauf. Wenn Ihr etwas peinlich ist errötet sie, ich mache mit tiefer Stimme einen dummen Witz. Ich kann sie auf hunderte Meter Entfernung an ihrem Gang erkennen. Sie hat die schönsten dunklen Haare, die ich kenne und so lange Wimpern, dass sie an den unteren Härchen ihrer Augenbrauen kitzeln.

Wenn wir uns sehen, sitzen wir auf Balkonen, in unordentlichen Wohnzimmern oder aufgeräumten Küchen, in Restaurants an praktischen oder Cafés an schönen Orten. Wir reden darüber, was da alles so passiert ist in den letzten Monaten. Stundenlang. Wir reden aber auch über die Zeit, die davor liegt: Die Zeit vor dem Studium in der Kleinstadt, dem Zusammenleben in einem südostasiatischen Entwicklungsland und dem Einstieg in die Berufswelt in unterschiedlichen deutschen Großstädten.

Einen Menschen richtig kennenlernen, bedeutet auch seine Vergangenheit zu erkunden. Einem anderen Menschen eine echte Freundschaft mit Zukunft anzubieten bedeutet, ihn nicht nur an der Gegenwart teilhaben zu lassen, sondern auch an der Vergangenheit. Sie weiß, dass ich in der ersten Klasse an die Tafel gelaufen bin und unaufgefordert die Lösung angekritzelt habe, weil ich mich langweilte und nicht stillsitzen konnte. Sie weiß, dass ich als 10-jährige meinen Eltern vorwarf ihr Versprechen gebrochen zu haben, sich niemals zu trennen. Sie kennt meine Ängste. Sie weiß, was mich glücklich macht und was es nicht tut. Sie weiß, welchen Katastrophen ich mit offenen Armen immer wieder entgegen laufe werde. Sie weiß, warum ich so bin, wie ich bin. Und ich weiß es von ihr: schlaues Landmädchen mit Vorliebe für ungesüßte Cheerios mit Naturjoghurt!

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