Archiv für den Monat: April 2013

Entkernt

Sie waren Verbündete gewesen. Sie wussten genau, welcher Film im Kopf des anderen lief, während der Alltag um sie herum in lauten, durcheinander gewirbelten Tönen weiter tobte. Ein kurzer Blick, der versicherte: Ja, ich weiß was du gerade denkst. Ein kurzer Blick reichte. Oder ein flüchtiges aneinander Vorbeilaufen, um dabei kurz die Hand des anderen zu drücken: Ja, ich weiß wie es dir gerade geht. Immer dann, wenn niemand zusah oder -hörte, erzählten sie sich die Geschichten für die andere Menschen sie verurteilt hätten. Sie teilten eine kleines, gemeinsames Haus aus Gedanken in der großen Stadt des Alltags.

Mit der Zeit sammelten sich immer mehr Gedanken an. Sie versuchten der Masse Herr zu werden, indem sie sie sortierten: in Kisten und Schubladen, die sie mit einfachen Worten beschrifteten. Doch der Berg an Schubladen wurde nicht kleiner, das Haus platze schon aus allen Nähten. Also warfen sie die Kisten und Schubladen zum Fenster hinaus. Jeder die, dessen Inhalt er einst mit einem Wort verkürzt hatte. Sie wussten nicht mehr was alles in den Schubladen steckte. Manche wurden von ihnen ein letztes Mal durchwühlt. Doch was sie suchten, fanden sie nicht. Also blieben sie dabei alles wegzuwerfen. Selbst die Tapeten hatten sie von den Wänden gerissen, um sich wieder Platz zu schaffen.

Sie standen vor dem leeren Haus. Sie tauschten Blicke aus. Doch wussten nicht, was sie bedeuteten. Sie hielten sich an den Händen, aber wussten nicht, ob sie es aus Gewohnheit taten oder weil sie sich danach fühlten. Da war kein Film mehr, nur noch ein verlassenes Haus. Kein Abschied. Nur ein anderer Alltag mit einem Verbündeten weniger.

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Frühling Neuköllner Schiffahrtskanal

Väterchen Frühling

Ich hatte nicht schlafen können. Obwohl die Party der letzten Nacht spät geworden war,  hatte ich schon ab sieben Uhr morgens immer wieder auf den Wecker schauen müssen. Trotzdem hatte mich bis mittags eine innere Schwere tief in die durchgelegene Matratze auf dem Boden meines Schlafzimmers gedrückt. Mit schmerzenden Schläfen kämpfte ich mich aus den drei Decken und den unzähligen Kissen meines Bettes hervor. Es war nicht das viele Bier des Vorabends gewesen, das meinen Kopf wummern ließ. Die Bettwärme und das stundenlange Nichtaufstehenwollen hatten meinen Körper mürbe für den Tag gemacht. Als ich das Haus verließ, war es bereits nach zwölf. Es war der erste frühlingshafte Tag des Jahres gewesen. Die Sonne hatte hoch am Himmel gestanden und die Laternen der Straße harte Schatten werfen lassen. Ich gehöre zu den Sommerkindern, die aufblühen, wenn die Tage endlich wieder länger werden und die Sonne Sommersprossen auf der Nase malt. Doch an diesem Tag konnte ich die Helligkeit nicht ertragen. Es schmerzte in den Augen, den nach unten gesenkten Kopf zu heben. Stattdessen beobachtete ich meine Füße, wie sich ein grauer Schuh vor den anderen setzte. Es war hypnotisierend. Ich kann nicht sagen wie ich mit gesenktem Blick und halbgeschlossenen Augen den Weg zur Bahnstation gefunden hatte. Aber ich saß in der richtigen Bahn, die mich für einen Tag aus der Stadt bringen sollte, die ich so sehr liebte, dessen Menschen mir aber dieser Tage viel abverlangten. Die Fahrt in die heimatliche Provinz war vertraut gewesen. Die Wiesen und Wälder flogen an den Fenstern der Bahn vorbei. In den schattigen Kuhlen neben der Bahnstrecke hatte noch Schnee gelegen und der Schaffner war der dickliche, freundlich lächelnde Mann gewesen, dem ich auf dieser Strecke schon häufiger begegnet war.

Er stand bereits am Gleis als der Zug Einfuhr. Er war wieder einmal zu eitel gewesen um die Brille aufzusetzen. Er blinzelte über den Bahnsteig in meine Richtung ohne mich zu erkennen. Erst als ich wenige Meter vor ihm stand und ihn anlächelte, machte sich auch auf seinem Gesicht das freudige Lächeln eines Erkennenden breit. Wir umarmten uns. Kurz, aber herzlich. Wir sprachen nicht viel. Ich konnte den Frühling immer noch nicht ertragen und auch meine Laune hatte sich seit dem ersten Blick auf den Wecker in den frühen Morgenstunden nicht gebessert. Ihm musste ich das nicht erklären. Der Tag hatte nur aus Essen, Dösen und wenigen Wortfetzen bestanden. Genauso wie ich die rote Decke auf seiner Couch bis über die Nase gezogen hatte, genauso hatte ich auch eine Decke des Schweigens über die vergangenen Jahre gelegt, wenn es nicht gerade um Koordinaten wie Arbeit oder Wohnung ging. Am Abend hatte er mich wieder zum Bahnhof gebracht und am Gleis gewartet bis der Zug auch wirklich seinen Weg gen Südwesten gemacht hatte. Auch wenn ich nicht viel gesprochen hatte, so hatte er mir eine Geschichte mit auf den Weg gegeben:

Auf einem Markt wurde ein Esel feilgeboten. Der Händler pries ihn als das beste Tier, denn er würde tun, was man ihm sage, solange man sich nur vernünftig um ihn kümmere. Der Mann, der den Esel kaufen wollte, glaubte dem Händler nicht so recht. Er schaut sich weiter um, konnte aber auf dem Markt nichts Gescheites finden. Also kam er zurück zu dem Händler und kaufte den gepriesenen Esel. Der Mann kümmerte sich liebevoll um den Esel, er richtete ihm einen wunderbaren Stall ein. Doch der Esel wollte seine Arbeit nicht verrichten. Der Mann redete und redete, brachte Liebe und Verständnis für den Esel auf, wie es der Händler gesagt hatte. Nichts. Am nächsten Markttag besuchte der Mann den Händler und klagte über den Esel. Der Händler ging mit dem Mann zum Stall des Esels, Mit einer Brechstange haute er dem Tier vor die Beine. Der Esel erschrak, um dann gemächlich aus dem Stall zu trotten um seine Arbeit zu verrichten. Der Händler sagte: Wenn sich etwas ändern soll, brauchen wir Aufmerksamkeit für unser Reden!

Als ich zurück in der Stadt den Zug verließ, hatte das Hell des Tages bereits Platz für den dunklen Abendhimmel gemacht. Die Sonne stach nicht mehr in den Augen, es war kalt und die Straßen waren weniger belebt als mittags, als ich sie verlassen hatte. Meine Laune hatte sich dennoch gebessert. Die Schläfen schmerzten nicht mehr. Die Decke meiner Couch hatte ich gegen eine leichtere ausgetauscht. Am Abend war es Frühling geworden.

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Anderthalb Menschen

Zwei. Es gehören immer zwei dazu, heißt es. Zwei gehören dazu, wenn aus einem Bier eine ganze Nacht geworden ist. Zwei gehören dazu, wenn man statt in Schwarz-Weiß auf einmal anfängt in Farbe zu träumen. Zwei gehören dazu, wenn man sich danach erschöpft in den Armen liegt und die Stirn des anderen küsst. Zwei gehören dazu, wenn man die Tür hinter sich schließt und weiß, dass dort nun eine Zahnbürste mehr im Badezimmer steht. Zwei gehören dazu, wenn einer verzweifelt ist. Zwei gehören dazu, wenn einer schweigt und einer redet. Es gehören immer zwei dazu, heißt es. Es stimmt nicht. Anderthalb. Manchmal gehören anderthalb dazu. Weil einer das doppelte Bier getrunken, aber nur die halbe Nacht erlebt hat. Weil einer farbenblind ist. Weil einer nicht mehr als liebevoll sein möchte. Weil einer nur pragmatisch ist. Weil einer mit der Verzweiflung des anderen nichts anfangen kann. Weil einer lieber über sich redet. Weil einer nur halb dabei ist.

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